Das Christkind in der Fremde




Ich habe bei Becherschimmer
Gestern allein gewacht
Und habe wohl, wie immer,
An Schlachten und Stürme gedacht.

Der Wein, der kraftgewürzte,
War hell wie Heldenblut,
Doch, je mehr ich hinunterstürzte,
Je trüber ward mein Mut.

Ich mochtâ es nicht mehr tragen,
Ich ging in die Nacht hinein;
Lichtwellen sah ich schlagen
Aus Fenster und Fensterlein.

Da sah wie ein Bettlerkind ich
In jeden erhellten Raum;
Wo meine Mutter findâ ich,
Wo steht mein Weihnachtsbaum?

Und als ich kam nach Hause,
Was ist das in aller Welt?
Da war in meiner Klause
Ein jedes Fenster erhellt.

Und als ich trat ins Zimmer,
Da warâs nicht mehr ein Traum,
Da stand im vollsten Schimmer
Der schönste Weihnachtsbaum.

Und an dem Strahl der Kerzen,
Da fühltâ ich, wie zerschmolz
Im sturmbegierigen Herzen
Der wilde, sehnende Stolz.

Es war so mild zu schauen,
wie jedes Lichtlein glomm,
In die Augen tätâ mir tauen
Ein Fühlen kindesfromm.

Mir warâs, als dürftâ ich träumen,
Ich sei nicht mehr verwaist,
Und es webte in den Räumen
Meiner Mutter süÃer Geist.

Doch die den Baum mir stellten
In meine öde Nacht,
Magâs ihnen Gott vergelten,
Wie selig sie mich gemacht!

Moritz von Strachwitz (1822 - 1847)




Nancy, 03.10.2009 23:26, Gedichte
Das Christkind, Das Dorf im Schnee
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